24.05.2019

„Klebstoff statt Nahrung – auch in dieser Diskussion sollte man die Fakten kennen“

Kommt man auf das Thema „bio-basierte“ Klebstoffen zu sprechen, folgt oft postwendend eine eher ablehnende Reaktion. Ist doch jedem bewusst, dass es immer noch Hunger auf dieser Welt gibt – und dann aus Nahrungsmitteln Klebstoffe herzustellen, erscheint doch vielen eher abwegig.

Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits lohnt auch hier eine differenziertere Betrachtung: Bio-basierte Klebstoffe sind keine Erfindung unserer Zeit, sondern sind die Historie des Klebens. Am Anfang waren es Erdpech oder Birkenpech. Etwa um 1500 v. Chr. verwendeten die Ägypter einen Sud aus tierischen Abfällen als Klebstoff. Die Griechen der Antike verwendeten bio-basierte Klebstoffe – meist eiweißhaltigen Leim, der „Kolla“ genannt wurde, und die Römer nutzten ihre aus Mehlkleister, Brot oder Käse-Kalk-Mischungen hergestellten Leime, das „Glutinum“. Auch stellten die Römer einen aus Schwimmblasen gewonnenen Fischleim her. Das sind alles „bio-basierte“ Klebstoffe mit teils erstaunlichen (Dauer-)Eigenschaften. Auch wenn im 18. Jahrhundert noch Fischleim patentiert wurde, führte der Ende des 19. Jahrhunderts stark ansteigende Bedarf an Gütern aller Art zur Massenherstellung und damit zum erhöhten Bedarf an Verpackungsmaterial – und so an Klebstoffen. Die vorhandenen Klebstoffe genügten schließlich den qualitativen Anforderungen nicht mehr. Dies war der Beginn einer systematischen Suche nach modernen Nachfolgeprodukten. 1909, mit dem Patent zur Phenolharz-Härtung von Leo Hendrik Baekeland, brach das Zeitalter der Klebstoffe auf Basis synthetisch hergestellter Rohstoffe an – und das haben wir auch 2019 noch.

Was haben diese antiken Klebstoffe mit heutigen bio-basierten Klebstoffen gemeinsam? Sie wurden damals meist aus Abfällen hergestellt. Gleiches gilt für die meisten heute verwendeten oder in Entwicklung befindlichen Bio-Klebstoffe – hier kurz anhand der Polyamid-Schmelzklebstoffe aufgezeigt: Diese basieren in Europa auf Soja. Gleiches gilt für viele Kosmetika. Die hier verwendeten Soja-Qualitäten sind nur bedingt lebensmittelgeeignet. In den USA basieren PA-Schmelzklebstoffe meist auf Tall Oil, das aus Holz-Abfällen gewonnen wird, die bei der Zellstoffproduktion entstehen. Weltweit werden ca. 30.000 bis 40.000 t/a PA-Hot-Melts produziert. Das ist wenig im Vergleich zu Kosmetika und Waschmitteln, bei deren Herstellung wie auch in der Klebstoffproduktion Palmöl eingesetzt wird. Sorgen muss machen, dass in Asien ganze Landstriche für den legalen und leider auch illegalen Palmölanbau gerodet wurden. Es gibt jedoch zertifizierte Qualitäten, die das verhindern sollen. Der umweltbewusste Klebstoffhersteller und -verarbeiter setzt daher auf die Verwendung zertifizierter Rohstoffe bzw. auf Klebstoffe, die darauf basieren.

Die Initiativen zu Entwicklung von bio-basierten Klebstoffen sind beachtenswert und sollten keinesfalls die eingangs beschriebenen Ängste zur Folge haben – erst recht nicht, wenn Abfallstoffe damit einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden.

„Auf viele Themen reagieren wir heute reflexartig, ohne die relevanten Fakten zu kennen. Die sollten aber bei einer fundierten Meinungsbildung nicht vernachlässigt werden.“ – Thomas Stein

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