15.06.2020

Die Zeit danach wird interessant

Ein weiteres Mal in der Menschheitsgeschichte erfahren wir am eigenen Leib, dass wir nur Teil eines Systems sind, das wir letztlich nicht steuern können und beherrschen.

Klaus Kufeld brachte es im Mannheimer Morgen vom 11. April 2020 für mich gut auf den Punkt: „Ausgerechnet die total globalisierte und total vernetzte Welt steht nicht nur still, sondern wirkt erstaunlich gelähmt und ratlos. Eine Distopie, ein lähmender Stillstand, dem keine Vernunft Menschliches entgegensetzen kann. Der Stillstand kommt als Schock daher. Welch kleine Würmer sind wir, wie hilflos und abhängig, ob Bürger oder Bundeskanzlerin. Das Virus kennt keine Klassen, keine Rassen, keine Geschlechter. Weshalb die befreiende Wirkung dieses Schocks nicht gerade auf der Hand liegt. Aber er sei die Chance, unsere Existenz(en) in ein neues Verhältnis zu setzen und der Maßlosigkeit, dem mentalen Absolutismus der Gier ein Ende zu setzen.“
 
Doch es gibt eine Zeit danach. Und es liegt an uns, wie wir sie gestalten – und damit schon heute beginnen. Während die einen noch im Schock verharren, beschäftigen sich die anderen mit Fragen wie: Was wird sich alles ändern, ändern müssen? Wer sind die zukünftigen Partner, denn die letzten Monate haben auch über die Extremsituation zur Neubewertung von Beziehungen geführt. Wie schnell lassen wir uns auf Neues und damit für den ein oder anderen Unbekanntes ein? Die letzten Monate mussten wir zwangsweise auf Abstand gehen – Home-Office, Video-Konferenzen, E-Learning, Digitale Schule etc. waren die Mittel der Wahl, um die Kommunikation am Laufen zu halten. Hier hat jeder in seinem Umfeld deutlich gemerkt, was der viel zitierte digitale Rückstand in Deutschland in der Praxis bedeutet. Die meisten haben schnell eine Lösung gefunden, vielleicht auch verbunden mit dem Gefühl, dass Kommunikation, Information und Wissenstransfer sich nachhaltig verändern werden. Der berufliche, persönliche Kontakt wird wohl zurückgehen, da wir gerade lernen, dass wir vieles ressourcenschonender online erledigen können. Plötzlich werden auch virtuelle Messen, die seit mehr als zehn Jahren kaum ein Thema waren, wieder interessant und werden vielleicht zukünftig größeren Anteil am gesamten Messegeschehen haben. Online-Shops und virtuelle Beratungen werden weiter den Kauf vor Ort reduzieren.

Und etwas anderes haben die letzten Monate gezeigt – die Nachteile von eng getakteten Global-Sourcing-Ketten, die die letzten Jahrzehnte als „Mantra der Wirtschaftlichkeit“ ohne Rücksicht auf andere Aspekte entstanden sind. Aus Kostengründen wurden viele Produktionen – auch von lebenswichtigen Medikamenten oder Schutzausrüstung – nach Asien verlagert. Jetzt waren sie „plötzlich“ nicht verfügbar. Basierend auf dieser Erfahrung, wird die Konzentration der Beschaffung und Produktion auf die Kontinente dem bisherigen Global-Sourcing folgen. Dadurch wird sich auch die globale Transportlogistik deutlich reduzieren. Dazu nochmal Klaus Kufeld im Mannheimer Morgen: „Die Ethik der Krise besagt, dass ein Verlust zunächst in Staunen umschlägt, dann aber katalytisch wirkt. An dieser Stelle, der uns gewaltig aufrüttelnden Schockstarre, die schließlich ein Erkennen auslöst, werden wir zukünftig genauer hinzuschauen haben, ob wir als klügere Menschen aus der Krise hervorgehen.“ Ich hoffe darauf, dass viele schon an die Zeit danach denken und gestalten – und das betrifft nicht nur wirtschaftliche und technische Aspekte unserer Gesellschaft. Jetzt stehen alle Aspekte auf einem Prüfstand, auch solche, mit denen wir uns in der Zeit davor so schwer getan haben. Ich glaube, die letzten Monate haben unsere Sichtweise auf vieles verändert. Was dabei in einem hoffentlich breiten gesellschaftlichen Diskurs rauskommt, wird interessant. Ein Zurück zum „Alten“ sehe ich nicht.

„Wir werden in der Zeit danach viele gravierende Veränderungen erleben. In der Wirtschaft werden wir das am ehesten bei der Neugestaltung von Arbeit, Digitalisierung und Sourcing-Strategien sehen.“ – Karl-Friedrich Berger, Geschäftsführender Gesellschafter ISGATEC GmbH

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