07.06.2017

Was bewährt sich?

Es ist jetzt sechs Jahre her, da veröffentlichte das Umweltbundesamt eine Elastomerleitlinie. Diese sah vor, dass Ausgangsstoffe für Elastomere den Prinzipien der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit entsprechen – d.h. entsprechend bewertet und zugelassen sein müssen. Damals gab es bereits eine Reihe positiv bewerteter Stoffe, die demgemäß verwendet werden durften und dürfen. Und natürlich gab und gibt es – bis heute – nicht bewertete Stoffe, die allerdings für die Herstellung einer Elastomermischung unabdingbar sind. Um ausreichend Zeit für eine toxikologische Beurteilung zu haben, wurde eine Übergangsfrist bis zum 31.12.2016 definiert. Solch lange Fristen haben sich bewährt, ebenso die Situation, dass bis zum Stichtag nur wenige Anträge auf Bewertung eingegangen waren. Ergo standen ab Januar dieses Jahres keine zugelassenen Elastomere mehr zur Verfügung. Droht jetzt Chaos auf allen Ebenen? Mitnichten – die bewährte Antwort sind Übergangsregelungen – in diesem Fall wieder um fünf Jahre bis zum 31.12.2021 verlängert.

Cartoon DICHT! 2.2017

Zuviel Zeitdruck hat sich an diesem Punkt einfach nicht bewährt – die Industrie braucht schon Zeit für den „bewährten“ Umgang mit solchen Themen. Wer 2021 viel erwartet, könnte enttäuscht werden und die zentrale Frage aus dem Blick verlieren. Denn die lautet nicht wann, sondern ob! Da bei der Umsetzung dieser Regelung u.a. eine Offenlegung der einzelnen Mischungsbestandteile und ihrer Zusammensetzung erfolgen muss, ist die Frage berechtigt, warum die Mischungshersteller jetzt daran interessiert sein sollten, wo sie es doch in der Vergangenheit schon nicht waren. Und was ist, wenn in fünf Jahren erneut keine ausreichenden Informationen vorliegen? Kommt dann die Übergangsfrist der Übergangsfrist bevor die Elastomerleitlinie irgendwann einfach vergessen wird? Wie ähnlich bewährte Verdrängungs-Mechanismen funktionieren, kann man derzeit bei dem Thema „Dieselfahrzeuge und ihre Schadstoffe“ sehen. Der Vergleich hinkt zwar etwas, aber das Prinzip wird deutlich. Gesetzliche Anforderungen werden nicht erfüllt, die Nichtbeachtung der Vorschriften wird aber nicht einheitlich und verursachergerecht sanktioniert, sondern in diesem Fall noch auf den Verbraucher abgewälzt. Wo der in den nächsten Jahren mit diesen Fahrzeugen fahren darf, ist unklar. Immer klarer wird aber gerade, dass Politik und Industrie dieses Thema im bewährten Schulterschluss „verdrängen“.

Doch bleiben wir bei den Elastomeren, z.B. für Trinkwasseranlagen. Sind die Hersteller solcher Anlagen wirklich auf die Gunst klassischer Elastomerhersteller angewiesen? Mitnichten, denn gerade für diesen Einsatzbereich gibt es technisch durchaus vergleichbare Alternativen wie z.B. Silikon undthermoplastische Elastomere. Anwender wie die Hersteller der Prozesstechnik sind aber  teilweise zu wenig über Alternativen informiert und Konstrukteure haben durchaus eine Tendenz zu Bewährtem – getreu dem Motto „Never change a running system“. Gerne wird auch der bewährte Hinweis auf den hohen Aufwand bemüht. Natürlich bedarf es vieler aufwändiger Simulationen, Tests und Freigaben bis das System mit neuen Werkstoffen „rund läuft“. Aber machen wir uns doch nichts vor – falls eine neue Elastomerleitlinie zufällig das Ergebnis dieser bewährten Vorgehensweise sein sollte und der ein oder andere Stoff der Mischung durch einen anderen Bestandteil ersetzt werden muss, entsteht der gleiche Aufwand. Man muss also keine weiteren fünf Jahre warten – kann es aber, wenn man an Bewährtem festhalten will. Man würde damit auch unabhängiger von Firmeninteressen werden– auch das hat sich manchmal schon bewährt.

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