23.12.2015

Mit dem Schwarm ist das so eine Sache

Es gibt Ereignisse, da fasst man sich an den Kopf und fragt sich, wie das passieren konnte? Die VW AG und ihr Betrug bei Abgasprüfungen ist so ein Fall. Vieles ist noch im Unklaren, aber es zeichnet sich aktuell ab, dass die Manipulationen nicht zufällig oder unglücklicherweise passierten. Sind andere Unternehmen vor solchen Entwicklungen gefeit? – ich glaube nicht. Auch im Bereich „Dichten, Kleben, Elastomer“ könnte durch ein entsprechendes Berufsverständnis Einzelner oder Gruppen über mehrere Hierachieebenen ein solcher Wahnsinn geschehen. Was können wir aus einem solchen Desaster lernen oder ableiten? Dass solche Missstände irgendwann auffliegen, ist nur eine Frage der Zeit und dass letztendlich solch ein Betrug mehr kostet, als er einbringt, steht außer Frage. Es lohnt sich auf jeden Fall, regelmäßig seine Arbeit auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Und dass man im Zweifelsfall auch mal „nein“ sagen muss – wahrscheinlich geschieht das viel zu wenig. Viele von uns sind täglich mit utopischen und/oder diffusen Zielen und Perfektionismus konfrontiert, arbeiten unter Druck, halten 120% und mehr Auslastung für machbar und „beugen die Realität“ immer mal wieder dem Sachzwang. Man muss doch nur wollen, dann geht alles, oder? Alle diese und weitere Symptome gehören laut Gunter Dueck in seinem Buch „schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam“ – zu einer gefährlichen Schwarmdummheit in unserer Arbeitswelt.

Cartoon Mit dem Schwarm ist das so eine Sache

In einer komplexen Arbeitswelt mit immer komplexeren Projekten suchen wir mit wachsendem Überforderungsgrad dann oft nur noch nach der „dumm einfachen Lösung“ und nicht nach der „genial einfachen Lösung“. Die Gründe dafür scheinen plausibel: es dauert zu lange, es rechnet sich zumindest am Anfang, keiner im Team versteht das große Ganze, die verschiedenen Einzelinteressen bekommt man nicht unter einen Hut und die Kommunikation ist sowieso schwierig. Dann regiert der Pragmatismus,
aber auch der müsste seine Grenzen haben. Die Situationen und die Komplexität unter der wir heute vielfach leiden, passieren uns nicht nur, wir sind immer auch Teil von ihnen. Und wir verursachen sie auch mehr oder weniger, weil wir uns in einem Schwarm bewegen. Das ist bequem, aber manchmal muss man auch „nein“ sagen. „Nein“ zu utopischen Forderungen, ziellosen Meetings, falschen Schlüssen aus Daten, schlechter Kommunikation, zu hohen Arbeitsbelastungen etc. – auch wenn es unbequem ist. Beim Lesen des Buches und der Meldungen, in denen das VW-Desaster genüsslich seziert wurde, entwickelte ich ein Gefühl dafür, wie das passieren konnte. Sind wir ehrlich, auch in der Dichtungstechnik gewinnt nicht immer die weitsichtige
Lösung gegen die kurzsichtige Lösung. Auch der Satz: „das haben wir doch bisher immer so gemacht“, ist in diesem Kontext nicht selten. Wie dumm das ist, drückt sich oft in Nachfolgekosten und -schäden aus. Es ist auch nicht das Problem, dass nicht immer die weitsichtige Lösung genommen wird.

Problematisch wird es meines Erachtens dann, wenn in einem Unternehmen oder Projekt die Schwarmdummheit systemimmanent wird. Wie dann noch richtige oder genial einfache Lösungen entstehen sollen, ist mir ein Rätsel. Aber gerade im Bereich
„Dichten, Kleben, Elastomer“ mit seiner wachsenden Systemrelevanz für die aktuellen Fragestellungen quer durch alle Branchen brauchen wir auf Hersteller-, Zulieferer- und Anwenderseite keine Schwarmdummheit, sondern die viel zitierte Schwarmintelligenz. Die Voraussetzungen dafür sind – laut Dueck – einfach. Alle müssen das Ganze verstehen und vorbehaltlos an einem gemeinsam definierten und erreichbaren Ziel arbeiten. Soviel zur Theorie, wie es in der Praxis aussieht, muss jeder für sich entscheiden. Aber auch das „größer, höher, weiter, billiger“, dem die Dichtungsbranche seit Jahren unterworfen ist, hat irgendwo seine Grenzen. Es wäre schlecht, wenn wir dies vor lauter Schwarmdummheit nicht erkennen würden.

Kommentare:
24.11.2016 17:33  |  Theo A.
Ein Tipp an VW und alle Ingenieure: Einfach kann jeder. Manchmal ist es eben etwas komplexer, um zu guten Ergebnissen zu kommen. So hat Deutschland nicht nur sein Dieselgate, sondern auch sein Xpertgate (xpertgate.de). Diese Hilfestellungen zu allen Montage- und Prüftechniken sollten Ingenieure trotz Komplexität zu schätzen wissen.

23.01.2018 01:16

Mit dem Schwarm ist das so eine Sache (Mittwoch, 23. Dezember 2015)

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