18.11.2016

Kleine Maßnahme, riesige Auswirkung

 

Damit kein falscher Eindruck entsteht – Umweltschutz ist gut und wichtig. Leider greifen bei diesem sehr sensiblen Thema immer wieder Mechanismen ineinander, die zu einem Endergebnis führen, das einen nur staunen lässt. Es ist aber auch nicht verwunderlich, da heute kaum jemand mehr komplexe Themen ganz durchdenkt. So treten heute in zunehmenden Maß umwelt- und gesundheitsschützende Verordnungen in Kraft, über deren Auswirkungen sich die verantwortlichen Organe zumeist keine Gedanken machen müssen – warum auch? Auch der Grund für neue Verordnungen wird kaum hinterfragt – selbst wenn eine Hauptursache für viele neue Verordnungen die zunehmendeAnalysefähigkeit ist. Das „Problem“ gab es zwar schon immer, aber jetzt können wir es messen. Dann wirken die Medien, die die Öffentlichkeit schnell sensibilisieren und auch allzuoft verunsichern. Da werden dann schon mal Themen „hochgeschrieben“, die eigentlich keine sind. Was mir zunehmend fehlt, ist der ganzheitliche Blick auf Themen, gepaart mit einer sorgfältigen und vor allem sachlichen (Lebens-) Risikoabwägung.

Cartoon DICHT! 4.2016

Cartoon DICHT! 4.2016

Ein schönes Beispiel ist die wieder an Fahrt aufnehmende Diskussion um die Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe(PAK). In der REACH-Verordnung 1272/2013 wurde festgelegt, dass ab dem 27. Dezember 2015 acht gelistete PAK nur noch in einer Konzentration von jeweils maximal 1 mg/kg (PAK-Stufe 3) bzw.0,5 mg/kg (PAK-Stufe 2) inElastomerprodukten enthalten sein dürfen, die im Konsumentenbereich für die allgemeine Öffentlichkeit in den Verkehr gebracht werden. Insofern sind vor allem Produkte betroffen, für die eine GS-Zeichen- Zuerkennung als Spezifikation nach § 21 Abs. 1 Nr. 3 Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) erforderlich ist. Was bedeutet dies in der Praxis – z.B. eines Rasenmäherherstellers? Als Seitenschutz, um zu verhindern,dass Steine, Gras etc. durch das Schneidmesser unkontrolliert durch die Gegend fliegen, werden oftmals preiswerte Elastomerzuschnitte eingesetzt, die diese Funktion ausüben. Bei einem Versuch, für dieses Produkt eine GS-Freigabe zu erwirken, wurde nunmehr gefordert, dass diese Zuschnitte zumindest PAK-Kategorie 2, eigentlich aber Kategorie 1 entsprechen müssen, da es nicht auszuschließen sei, dass ein Kind beim Spielen diese Lappen in den Mund nimmt. Theoretisch denkbar, aber etwas skurril ist die Begründung schon, die meines Erachtens auch weit über das Ziel hinausschießt. Daneben gibt es erste Meldungen, dass Serienhersteller ihre Lieferanten auffordern, zukünftig nur noch Elastomerprodukte der PAK-Kategorie 2 oder 1 zu liefern, da ein längerer Kontakt als 30 s nicht auszuschließen sei.

O.k., aber was bedeutet das in der Praxis? Elastomere bestehen (bis auf Silikone und Fluorelastomere) i.d.R. aus Mischungen mit teilweise mehr als 20 Rohstoffkomponenten. Jede dieser Komponenten hat i.d.R. Auswirkungen auf die mechanischen und chemischen Eigenschaften des Endproduktes. PAK sind ursächlich in den verwendeten Rußen oder Weichmachern (Mineralöl), – und damit teilweise in den Hauptkomponenten eines Elastomers – zu finden. Sicher gibt es Ruße und Mineralöle, die weniger PAK enthalten, aber deren Herstellung ist meines Wissens sehr viel aufwändiger, die Verfügbarkeit geringer und der Preis wesentlich höher. Wenn man nun eine Änderung der Mischung mit Hinblick auf geringere PAK-Anteile verwendet, ist es unabdingbar, das gesamte Spektrum der chemischen Beständigkeiten und der mechanischen Kennwerte erneut mittels Langzeittests und Versuchen auf den Prüfstand zu stellen. Es ist nicht selten, dass in einem solchen Fall das Material überhaupt nicht mehr den Anforderungen standhält und grundsätzlich nach anderen Alternativen zu suchen ist. Den dadurch entstehenden Aufwand kann sich jeder vorstellen.

Aus Lieferantensicht sollte man sich auch darüber im Klaren sein, dass europäische Lieferanten, insbesondere in diesem Fall Plattenlieferanten, durchaus Lösungen anbieten können, aber insbesondere asiatische Hersteller bisher überhaupt nicht mit diesen Forderungen vertraut sind bzw. sie tatsächlich anwenden. De facto würde es auch heißen, dass man aus Sicht der Qualitätskontrolle zukünftig zunehmend regelmäßige Analysen der gelieferten Teile vornehmen muss, ob auch sicher kein PAK-Werte überschritten wird. Denn nur eine Aussage zu haben, dass die Teile z.B. PAK-Klasse 2 entsprechen, wird sicher nicht ausreichen, um vor Überraschungen bewahrt zu sein. Der Prüfaufwand hierfür wird auch sehr hoch sein.

Dass all dies zu deutlichen Preissteigerungen führt, muss niemand überraschen.Eine Gesamtkosten-/Nutzenrechnung, inkl.Ökobilanz, zu diesem Thema habe ich noch nicht gefunden. Genau das würde mich aber interessieren: Welchen Schutz für Umwelt und Gesundheit gewinnen wir für welchen Preis und Aufwand? Lohnt sich das?

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24.04.2018 16:12

Kleine Maßnahme, riesige Auswirkung (Freitag, 18. November 2016)

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